Fragmente: "Der Ritter und der Mönch"

Prolog

Der Erzähler berichtet aus alter Zeit vor tausend Jahren, als die Berge höher, die Wälder weiter und die Menschen noch weniger waren. In die Lande waren vor nicht langer Zeit die heiligen Mönche gezogen, den vormals Wilden die Liebe des Gekreuzigten zu lehren. Viele folgten dem frommen Ruf, doch hörten Missgunst und Hass nicht auf, die Mächtigen und Klugen zu entzweien, die doch vorab hätten bereit sein müssen, der Botschaft ihre Herzen zu öffnen.

Am Oberlauf des Flusses Rhyn lebte auf stolzer Burg der Ritter Arze, dessen Macht vom Kamm der eisbedeckten Berge bis weit in die Wälder des Nordens reichte. Er hielt Hof wie ein König, und sein Name flösste nicht nur gemeinen Untertanen, sondern auch manchem hohen Herrn Furcht und Schrecken ein. Mächtige Fürsten sahen sich in der Not, ihm Gefälligkeiten zu erweisen oder sich seine Dienste gegen Geld oder Landgabe zu kaufen. Und da sich Arze wie kein zweiter darauf verstand, die Bedürftigkeiten seiner Standesgenossen listig auszunützen, war er rasch zu grossem Reichtum gekommen, den er mit Geschick dazu verwandte, seine Ländereien weiter und weiter auszudehnen.

Der Kreis der Vertrauten wusste hinter vorgehaltener Hand Schlimmstes zu berichten. So ging die Kunde, der Ritter verwende Raubgold dazu, Amtleute zu bestechen, und er schrecke nicht davor zurück, selbst Würdenträger der Kirche zu Lüge und Meineid zu nötigen. Wer sich allerdings weigere, schändlichem Ansinnen zu dienen, der gerate nicht selten in die Fänge von Falschanklägern. Sein Los sei das Verlies, wo er lebenslang schmachte, so er nicht von gedungener Meuchlerhand schon früher zu Tode komme. 

Fragment aus dem Kapitel 1

An einem Sommermorgen ( es sollte noch gut drei Leben dauern, bis die Chronisten das Jahr Tausend schrieben ) ritten einige Haufen Reiter durch den geschluchteten Burgwald gegen Norden, von unbotmässigen Meiern fällige Steuern einzutreiben. Voran zog, wie es seinem Rang gebührte, Arze selbst, auf hoch gebautem, glanzäugigem Rappen. Er war von Kopf bis Fuss in Eisen gehüllt, so als ritte er nicht in trauten Gefilden, sondern schickte sich an, auf offenem Kampffeld dem Feinde zu trotzen. Der edle Leib seines Pferdes war dagegen ungeschützt. Nur die stolz gereckte Brust zierte ein reich geschmiedeter Panzer, auf dem kunstvoll eingelassen das goldbesetzte Ahnenwappen prangte.

Eng aufgeschlossen folgte der Knappe Hartgösch, der schöne und sorglose Männlichkeit ausstrahlte und dessen Gaul weder Sattel noch Zügel trug. Ob seiner Schmucklosigkeit entfaltete das Tier die Vorzüge seines Körperbaus umso trefflicher. Es war ein ungarischer Hengst, den der Knappe im Kampf dem Feinde abgetrotzt, einer von jenen, die an Kampfgeist, Mut und Ausdauer alles Einheimische übertrafen und die weit herum hoch bewertet waren. Hinter dem Knappen hockte, leichten Abstand haltend, auf edler, feingliedriger Stute eine hagerer Gelehrter, der auf den Namen Grass hörte und dessen Züge viel Ungemach verrieten, sei es, weil ihm der Ritt beschwerlich war oder weil ihm die Gesellschaft der Vorreiter wenig behagte. Die Stute war über und über mit aus feinem Bast geflochtenen korbähnlichen Behältern behangen, die sich kunstvoll ineinander schachtelten und eine Art fliegender Bücherei bildeten. Hier lugte ein Pergament hervor, dort ein geschmiedeter Zirkel mit Messwinkel, vor allem aber schwebten da noch und noch dicke Folianten in ausladenden Taschen, die für schnellen Ritt kunstvoll zum Pferdeleib hin mit getrocknetem Torf abgefedert waren.

Zehn Pferdelängen zurück folgte der erste Tross von einem guten Dutzend Rittern. Edle Gewandung und  kunstvoller Schmuck der Sättel wiesen auf hohes Geblüt. Sie gingen zwei hinter zweien, anderes erlaubte die Enge der Gasse nicht. Ernst und schweigend ritten sie und wissend, dass es einmal mehr  nicht zum ehrenvollen Kampf, sondern zum gehassten Werk des schieren Tötens ging. Und erst jetzt, viel weiter zurück, zog der Hauptharst, ein wild gemischter, lärmiger Haufen von an die zweihundert Mannen, Weibern und Kindern. Gellendes Gelächter tönte heraus und mischte sich seltsam mit dem Ächzen unter schwerer Arbeit Geschundener. Gefangener wohl, deren Schicksal es war, ihre Leben unter kaum tragbaren Lasten zu verhauchen.  Aus allerhand Tieren übergeworfenen Hängsäcken und Körben schlug das Stöhnen von Kranken und das Gewimmer von Säuglingen. Man erblickte Berittene, die stolz volle Bewaffnung vorzeigten, andere mit entblößtem Oberleib, die bloss eine Schleuder oder einen ausgedienten Säbel in die Seite eines dürftigen Lendenschurzes gesteckt hatten. Schwarze Mönche humpelten in überlangen Mänteln hastig und furchtgepeinigt, den Zorn Gottes prophezeiend und das nahende Ende der Welt. Und über all dem Gemisch aus Elend und Eitelkeit prangte das helle Licht des Sommermorgens, in seiner Schönheit sich genügend und teilnahmslos.

Gegen Ende hin folgte eine lange Reihe von immergleichen Karren, von Maultieren gezogen und teils von stark gearmten Knechten. Hier wurde in großen Tonnen Handelsware transportiert: kostbare Gewürze und Stoffe, edles Getränk und Waffenschmuck. Fast artig waren die Knechte aufgereiht und man hätte gesagt, hier sei die Ordnung der Zugspitze  zurückgekehrt, wäre da nicht ganz zum Schluss ein mächtiges Gefährt gefahren, mit breiten Felgen aus schwerem Metall. Vier wohlgenährte, mächtige Gaule zogen mit Mühe, denn ob des grossen Gewichts vergruben sich die Räder mehr als geboten im weichen Waldboden und koteten hinten aus schwerem Gang. Auf dem Wagen war ein breit ausladender Aufbau aus rötlich getünkter Eiche, der die Schlafstätte eines Edlen hätte sein können, wäre er nicht in befremdlicher Weise luken- und fensterlos gewesen. Eine einzige Tür nur öffnete zur vorderen Plattform. Dort kredenzten sich junge Weiber an kunstvoll gezimmerten Tischen Wein. Schön waren sie anzusehen, doch edel nicht, denn sie trugen die steilen Brüste mit an den Oberkörper gelegten Bändern hochgeschürzt und boten sie unter leicht durchsichtigem Leinen dem Auge schamlos dar. Sie lachten sorglos um sich, tändelten, keiften und mimten abartige Unzucht. Dann hänselten sie die Knechte, die schweisstriefend die Karren zogen und lockten mit süssen, von gemimtem Mitleid getragenen Stimmen. Die Gesichter der Schuftenden blieben teilnahmslos. Bisweilen nur wendeten sie sich einige um und heuchelten Vergnügen am bösen Scherzen. 

 

Fragment aus dem Kapitel 2

Zu Mittag hin hatte er auf seinem ausgedehnten Gut eine Art Hofstatt mit zahlreichen meisterhaft gebauten Hütten, die er "seine Schule" nannte. Dort erzog er die künftigen Gattinnen der Feinde, die friedlich zu stimmen er den Edlen gelobt hatte. 

Es war ein Fest der Bauern, wenn er ohne Gefolge ausritt, um neue Zöglinge zu gewinnen. An den Ausläufern der Weiler, dort wo neues Wasser an erhöhten Stellen sich sammelte, warteten dann alle Väter mit ihren schönsten Töchtern. Bücklinge und viele Tränen wurden ihm, wenn er eine mit Freude betrachtete und zu sich aufhob. Denn alle wussten: Sie würde von ihm zu Besserem geführt. Zu dienen einem würdigen Mann und zu besänftigen dessen Gelüste nach Blut und Krieg.

Wenn er sie in der Schule versammelt hatte, lehrte er ihnen vom grossen Seneca, der die Überwindung der Leidenschaft als das Wichtigste und zu wahrer Tugend führende gepriesen. Der schlimme Feind des Weibes sei, so sagte er, der Neid, der schlimmere seine Tochter, die Eifersucht. Und dies müssten sie erkennen: weder er noch ihre künftige Gatten könnten umhin, mehreren Frauen zu gehören. Gehörten sie nämlich nur einer, so müssten sie welken und verdorren und erlahmen in ihrem Wirken und Schaffen für die Völker.

 

Fragment aus dem Kapitel 3

Im Verhallen der Hufe wagte sich ein Köhlerweib in die Lichtung: sie hatte sich ins dichte Unterholz geborgen, wissend um Untaten, die von den Zügen ausgingen und die nie bestraft wurden. Sie berichtete, sie hätte Episcopus betend erblickt, wie er an den blutigen Resten aus goldgebundenem Buch die Totenlitanei der Kirche las. Nicht demütig gebeugt hätte er gestanden, so wie die Priester im Hochamt. Nicht gebückt, sondern mit stolz gerecktem Oberleib, und der Ton seiner Worte sei so gewesen, als richtete er sich nicht an Höhere, sondern an seinesgleichen. Da sei aus hohen Kronen ein nie gesehen helles, mit Feuer gerandetes Licht gesunken, hätte Atemzüge lang gleissend auf der hohen Stirn verharrt, um alsbald zurück zu steigen und sich in der gegen Mittag steigenden Sonne zu verlieren. 

Kapitel 14: Fragment

 

Tief war der Schmerz des Mönchs ob des Verlusts des Freundes, und er währte lange - so lange, dass ihm die Hoffnung schwand, sich je Ersatz zu schaffen. Seine jungen Buhlen waren ihm geringer Trost. Denn wenn das Weib dem Manne auch gar vieles ist, so vermag es doch nimmer den Platz des Freundes zu füllen.  Keine Zuflucht ist dem Manne das Weib, wenn er schwach und elend ist, schafft doch nur Stärke den Zauber, aus dem die Liebe zwischen den Geschlechtern Nahrung schöpft.

 

Alles änderte, als der Mönch den alten Siro kennenlernte. Auf einer seiner Reisen in den Osten hatte er ein im Gebirge verstecktes Hochtal besucht, dessen Erkundung ihm von Gelehrten wegen der dort gesprochenen alten Keltensprache anempfohlen worden war. Das Tal war vor Zeiten von den aus dem Süden einrückenden Legionen wegen seiner Unwirtlichkeit nicht besetzt worden, und auch die später einfallenden Barbaren wollten dort nicht siedeln. Die Bewohner lebten genügsam vom kargen Boden, sie kannten keine Fürsten, sondern vertrauten ihre Geschicke Räten an, die sie aus eigenen Reihen wählten. Neuer Religion wollten sie sich nicht beugen. Und selbst nachdem die Lehre vom Gekreuzigten ihren Siegeszug angetreten, fuhren sie fort, zu Göttern und Zauberwesen zu beten, die ihre Ahnen seit Urzeiten in den Kräften der Natur zu erkennen geglaubt hatten.

 

Siro war einer der Räte, ein vom Volk hochgeachteter und verehrter Greis. Er hatte das Tal in seiner Jugend verlassen, war aber schon im frühen Mannesalter als ein Gebildeter zurückgekehrt, um fortan unter Seinesgleichen zu leben. Er spielte die Laute wie kein zweiter: auf ihr erfand er Lieder und Weisen von grosser Kunst und selten inniger Schönheit. Der Mönch hörte sein Spielen erstmals, als er nachtens nach mühevollem Anritt auf seinem Lager keinen Schlaf fand. Staunen und Verwirrung erfassten seine Seele beim Horchen, denn nie war, obwohl er alle Musik stets mit Leidenschaft gesammelt, dergleichen an sein Ohr gedrungen. So wurde seine Neugierde gross, und er nahm sich vor, den Spielmann gleich am Morgen aufzusuchen. Dann überwältigte ihn die Müde und stürzte ihn ins Vergessen.

 

 

Kapitel 22: Fragment

 

 

Und heute noch, in der Frühe der lauen Sommermorgen, scheinen jene hohen Berge mit freundlichem Strahlen zu künden vom schönen Schauspiel, das Sie gesehen vor tausend Jahren, vom Adel der Männerfreundschaft, und von jenen kostbaren Augenblicken, in denen Kampf und Tod aufgehoben schienen in der Versöhnung aller mit allem und jedes mit jedem. In der Frühe brachen sie aus den Hütten, nachdem sie ihre Mädchen die Nacht über im langen, süssen Ringen der Liebe erschöpft und sanft auf die Lager gebettet hatten. Sie schritten zu den Pferden, deren Fesseln schon zitterten in der Wittererung des aufkommenden Tages, besattelten sie und bestopften die Taschen mit Folianten. Dann schwangen sie sich auf die Rücken und setzen die Tiere in Trab. In sanften noch und bedacht, die Andacht der Frühe nicht zu stören. Auf halbem Weg des gerodeten Flusstals, als schon erste Streifen die Konturen der scheereichen Berge zeichneten, kam ihnen das Wegkreuz mit dem gehängten Leib des Heilands entgegen, das fromme Pilger zur Einkehr lud. Hier bogen sie nach Norden, einem Fichtenhain entgegen, wo ruhende Weiher das fahlende Licht des Mondes reicher spiegelten. Im Schatten der hohen Kronen hielt sich noch der Zauber der Nacht, und Geheimnis wob im sacht dem Wasser entsteigenden Dunst.

 

Die Reiter entzündeten Fackeln, griffen die Texte, die sie für den Tag in der Bücherei des Abts aus verborgenem Regal entwendet und fieberten mit der Gier des ungestümen Alters den Entdeckungen entgegen. Von der edlen Schönheit und vom Ebenmass der Frauen lasen sie da, vom hohen Liebesgenuss und von der Süsse der Musse, in schönen Versen von höchster Kunst. Und es entzündeten sich ihre Seelen, sie verfielen dem Schwärmen für ihre Mädchen und hätten sich wohl leicht selber zum Schmieden von Versen hinreissen lassen,  wäre ihnen nicht Mass gewesen und hätten sie nicht gewusst, dass alles, was sie hätten finden können, würdelos wäre vor dem grossen Genius der Alten.   

 

Epilog: Fragment

Schon schien sich die Aufruhr zu legen: der Kardinal betete nun mit grösserer Inbrunst, zur Kasteiung auf  das harte Holz der Plattform sich knieend und bedeutend, das er auf das guten Wollen der Menge vertrauen und dem Drohen entsagen wollte. Auf die bekränzte Empore war Ruhe gekehrt: die Priester sassen wieder in artiger Würde gereiht. Bewegungslos fast. Nur bisweilen neigte sich ein Haupt wie aus bedeutungsschwerem Nachdenken zum Nachbarn hin und kündete schwer errungene, doch gesicherte  Eintracht. Da tönte plötzlich aus einem fernab liegenden Bezirk des Platzes, von dort, wo die Wagen der Fahrenden eng gekeilt sich drängten, der gellende Schrei eines Weibes, ein Schrei wie aus dem Todesstoss und fürchterlich anzuhören. Viele hörten es allerdings anders und glaubten, das Gellen sei böses, aus niederer Lust geborenes Zeichen und ein Gottloser hätte, von der Unordnung schon ermutigt, es gewagt, dem Weib auf geweihtem Grund in die Lenden zu stossen. Atemzüge lang schwang Entsetzen: alle spürten, dass nun die Ordnung am Brechen war und Chaos sich kündete.

Doch der Allmächtige wollte es nicht leiden. Denn eben jetzt, im Augenblick der grossen Gefahr, erschallte fordernd aus hohem Stein der feierlich-tiefe Ton mächtiger Glocken, die hohen Pforten barsten und satte Schwälle süsslichen Weihrauchs fluteten in den Platz. Im engelgerandeten Bogen aber, auf hohem mit weissen Lilien gekränztem Katafalk, erschien, zu leichter Neigung sorgsam gebettet, der neue Heilige. Das mächtiges „Te Deum“ stieg aus tausend Kehlen, Fanfaren fielen von oben ein und fügten sich im Gesang zu dunkel-schönen  Harmonien. Und als sich nun die ersten hinwarfen, schluchzend ihre Sünden hauchend und Gnade erflehend, als  aus gesegneten Händen das heilige Wasser sprühte und hinter dem über die Treppe gleitenden Heiligen der Leib des Herrn in geweihter Hand aufglänzte, da fühlten alle, jener Gott müsse sein, den ihnen die Priester aus den Büchern lasen. Und er neige sich eben jetzt gnädig herab, sie jenes Unfassbaren zu versichern: der Erlösung aus Sünde und ewigem Tod. Klein wurden da Nöte vor der herrlichen Hoffnung und unziemlich jedes Fragen: die zum Sprung gespannten Sehnen schlafften und die Hände fielen aus gegriffenen Knauf.

Die Bahre des Heiligen hatte die Ebene erreicht und bohrte sich bedächtig in die taumelnde Menge. Da fiel, wie zum Zeichen höchsten Grusses und Wohlgefallens, hellste Sonne aus den dunkelnden Schatten. Lauter brandete jetzt das Lob, das Begehren wich und alle Herzen flogen nach oben, dem sich wölbenden Blau zu. Und alle wurden sie jetzt, im gemeinsamen Flehen und Weinen, im Taumel der Inbrunst und im erquickenden Lassen, für den flüchtigen Tag die Kinder, denen der Heiland vor allen das Himmelreich zugeschworen.  

© 2019 Peter Buser